Zwei kleine Elektroden auf der Haut, ein kurzes Kribbeln, ein Bildschirm mit Kurven: Mehr passiert bei der Messung der Nervenleitgeschwindigkeit in der Regel nicht. Trotzdem gehen viele Menschen mit gemischten Gefühlen in den Termin, weil sie sich unter „Strom am Nerv“ wenig Angenehmes vorstellen. Wer weiß, was gemessen wird und was das Ergebnis aussagen kann, geht gelassener hin.
Was die Messung eigentlich misst
Ein Nerv leitet elektrische Signale, ähnlich wie ein Kabel. Ist er an einer Stelle eingeengt oder beschädigt, kommt das Signal langsamer oder schwächer an. Genau das macht die Elektroneurographie (ENG) sichtbar. Der Neurologe setzt einen kurzen Reiz und misst, wie schnell und wie kräftig die Antwort ankommt.
Zwei Werte stehen im Mittelpunkt:
- Geschwindigkeit bzw. Latenz: Wie lange braucht das Signal für eine bestimmte Strecke? Eine Verzögerung deutet auf eine Schädigung der Nervenhülle (Myelinscheide) hin.
- Amplitude: Wie groß ist die Antwort? Eine kleine Amplitude spricht eher dafür, dass Nervenfasern selbst untergegangen sind.
Beides zusammen verrät, ob ein Nerv „nur“ gebremst oder schon geschädigt ist. Diese Unterscheidung beeinflusst, wie dringend eine Behandlung wird.
So läuft der Termin ab
Die Untersuchung dauert meist zwischen einer Viertelstunde und einer halben Stunde, je nachdem, wie viele Nerven untersucht werden. Vorbereiten müssen Sie sich kaum. Cremes und Öle auf den Armen oder Beinen lassen Sie an dem Tag besser weg, weil sie den Hautkontakt der Elektroden stören.
- Sie sitzen oder liegen bequem, die Haut wird gesäubert.
- Der Arzt klebt oder legt Ableitelektroden auf Haut über dem Nerv oder dem zugehörigen Muskel.
- Mit einer kleinen Reizelektrode gibt er kurze Stromimpulse an mehreren Punkten entlang des Nervs ab.
- Das Gerät zeichnet auf, wie die Antwort ankommt, und rechnet daraus die Werte aus.
Die Impulse fühlen sich wie ein schnelles Klopfen oder Zucken an. Manche empfinden sie als unangenehm, aber gut erträglich. Sagen Sie Bescheid, wenn es zu stark wird, der Arzt kann die Reizstärke anpassen. Gefährlich ist das Verfahren nicht. Bei einem Herzschrittmacher, einem Defibrillator oder Blutverdünnern sollten Sie dennoch vorab Bescheid geben, besonders wenn zusätzlich eine EMG mit Nadel geplant ist.
Wann Ärzte die ENG anordnen
Die Messung hilft, wenn Kribbeln, Taubheit oder Schwäche eine Ursache im Nerv vermuten lassen. Typische Anlässe:
- nächtliche taube Hände, bei Verdacht auf ein Karpaltunnelsyndrom,
- Taubheit in Klein- und Ringfinger, etwa bei einem gedrückten Ellennerv,
- Kribbeln und Brennen in beiden Füßen, wenn eine Polyneuropathie infrage kommt,
- Schwäche im Fuß oder in der Hand, deren Ursache unklar ist.
Beim Karpaltunnelsyndrom ist sie das wichtigste Zusatzverfahren. Die Leitlinie sieht sie vor, um die Diagnose zu sichern und den Schweregrad einzuschätzen. Gerade vor einer Operation will der Chirurg wissen, wie stark der Nerv betroffen ist. Mehr zur Entscheidung zwischen Schiene, Spritze und Eingriff steht im Beitrag Karpaltunnelsyndrom behandeln: Schiene, Spritze oder Operation?.
Was ein Ergebnis aussagt und was nicht
Ein auffälliger Wert ist kein Urteil. Er ist ein Baustein. Der Neurologe liest ihn zusammen mit Ihren Beschwerden und dem Befund der körperlichen Untersuchung.
Ein paar Dinge sollten Sie wissen:
- Kalte Hände verfälschen das Ergebnis. Ist die Haut kühl, leiten Nerven langsamer. Deshalb wärmt man die Gliedmaße vor der Messung oder kontrolliert die Hauttemperatur.
- Normalwerte sind keine feste Zahl. Sie hängen von Alter, Größe, Nerv und Labor ab. Verlassen Sie sich nicht auf Tabellen aus dem Internet, sondern auf die Einordnung der Praxis.
- Ein normaler Befund schließt ein Problem nicht aus. Besonders sehr dünne Nervenfasern, die Schmerz und Temperatur melden, erfasst die Standardmessung nicht. Auch ein beginnendes Karpaltunnelsyndrom kann zunächst unauffällig aussehen.
- Ein auffälliger Befund ohne Beschwerden wird mit Vorsicht gelesen. Behandelt wird der Mensch mit seinen Symptomen, nicht die Kurve.
ENG und EMG: Wo der Unterschied liegt
Beide Untersuchungen laufen oft am selben Termin, werden aber leicht verwechselt. Die ENG prüft den Nerv und setzt auf Hautelektroden. Die Elektromyographie (EMG) prüft den Muskel und arbeitet meist mit einer dünnen Nadelelektrode im Muskel. Sie zeigt, ob ein Muskel von seinem Nerv noch gut angesteuert wird. Eine ausführlichere Darstellung bietet der Beitrag EMG: Einblicke in die Elektromyographie und ihre Anwendungen. Zusammen ergeben beide ein genaueres Bild: Sitzt das Problem im Nerv, in der Nervenwurzel oder im Muskel?
Wann Sie nicht auf einen Messtermin warten sollten
Eine ENG ist eine Untersuchung für Beschwerden, die sich über Wochen entwickeln. Bei diesen Zeichen gilt das nicht:
- plötzliche Lähmung, Sprachstörung oder ein hängender Mundwinkel: sofort den Notruf 112 wählen,
- rasch zunehmende Schwäche in Armen oder Beinen,
- Taubheit im Genitalbereich oder Probleme, Blase und Darm zu kontrollieren, zusammen mit Rückenschmerzen.
Bei schleichenden Beschwerden reicht ein regulärer Termin, den Sie nicht zu lange hinausschieben sollten. Zuerst klärt in der Regel der Hausarzt oder der Neurologe, ob eine Messung sinnvoll ist. Ob die Krankenkasse sie bezahlt, ist bei medizinischer Notwendigkeit in der Regel kein Thema, fragen Sie im Zweifel in der Praxis nach.
Häufige Fragen
Tut die Nervenleitgeschwindigkeitsmessung weh?
Sie ist unangenehm, aber kurz. Die Impulse fühlen sich wie ein Klopfen oder leichter Stromschlag an. Wer empfindlich reagiert, kann die Reizstärke mit dem Arzt abstimmen.
Muss ich mich auf die Untersuchung vorbereiten?
Kaum. Kommen Sie mit sauberer, nicht eingecremter Haut und warmer Kleidung, damit Arme und Beine nicht auskühlen. Nehmen Sie eine Liste Ihrer Medikamente mit.
Kann ich nach dem Termin normal weiterarbeiten?
Ja. Die Untersuchung hinterlässt in der Regel keine Beschwerden. Bei einer zusätzlichen Nadel-EMG kann der Muskel kurz etwas druckempfindlich sein.
Reicht ein Ultraschall des Nervs statt der Messung?
Der Nervenultraschall zeigt, ob ein Nerv verdickt oder eingeengt ist, und ergänzt die ENG gut. Ob er sie ersetzen kann, entscheidet der Arzt im Einzelfall. Die Messung der Leitfähigkeit bleibt bei vielen Fragen der Standard.
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Dieser Artikel dient nur der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) u. a.: S3-Leitlinie «Diagnostik und Therapie des Karpaltunnelsyndroms», AWMF-Register Nr. 005-003.
- Padua L. et al.: Carpal tunnel syndrome: clinical features, diagnosis, and management. Lancet Neurol. 2016;15(12):1273–1284.
- Kimura J.: Electrodiagnosis in Diseases of Nerve and Muscle: Principles and Practice. 4th ed. Oxford University Press; 2013.
