Gegen drei Uhr nachts wachen Sie auf, die Hand ist taub und kribbelt, als hätte jemand sie abgeklemmt. Sie schütteln sie aus, reiben die Finger, nach ein paar Minuten ist es besser. Am nächsten Morgen wiederholt sich das Ganze. Dieses Muster ist so typisch für das Karpaltunnelsyndrom, dass Neurologen oft schon nach den ersten Sätzen des Gesprächs eine Vermutung haben.
Was im Handgelenk eigentlich eingeklemmt wird
Auf der Handinnenseite verläuft der Mittelarmnerv (Nervus medianus) durch einen engen Kanal, der vorn von einem straffen Band, dem Retinaculum flexorum, überspannt wird. Neben dem Nerv liegen dort die Beugesehnen der Finger. Wird der Platz knapp, etwa durch Schwellung der Sehnenscheiden, gerät der Nerv unter Druck. Er versorgt Daumen, Zeige-, Mittel- und die Hälfte des Ringfingers mit Gefühl. Dort melden sich deshalb die Beschwerden.
Der kleine Finger bleibt in der Regel frei. Das ist ein brauchbarer Hinweis, denn er unterscheidet das Karpaltunnelsyndrom von Problemen am Ellenbogen oder an der Halswirbelsäule.
Warum es ausgerechnet nachts schlimmer wird
Im Schlaf liegt das Handgelenk oft abgeknickt unter dem Kopfkissen oder der Wange. Zusätzlich sammelt sich im Liegen mehr Flüssigkeit im Gewebe, der Kanal wird enger. Viele Betroffene beschreiben, dass sie die Hand aus dem Bett hängen oder über den Kopf heben müssen, damit das Kribbeln nachlässt. Tagsüber kommen die Beschwerden dagegen beim Autofahren, Telefonieren, Zeitunglesen oder Radfahren, also immer dann, wenn das Handgelenk längere Zeit gebeugt oder überstreckt bleibt.
Wer häufiger betroffen ist
Das Karpaltunnelsyndrom ist die häufigste Engpass-Neuropathie überhaupt. Frauen trifft es deutlich öfter als Männer, am häufigsten im mittleren Lebensalter. Begünstigend wirken:
- Schwangerschaft und Wechseljahre, wegen der Flüssigkeitseinlagerung und hormoneller Veränderungen
- Diabetes mellitus und Schilddrüsenunterfunktion
- rheumatische Erkrankungen und Arthrose im Handgelenk
- frühere Brüche am Handgelenk
- Arbeit mit Vibration, Kraftgriffen oder dauerhaft gebeugtem Handgelenk
Oft lässt sich keine einzelne Ursache finden. Auch familiäre Häufung kommt vor, manche haben schlicht einen engeren Kanal.
So erkennen Sie die Beschwerden
Zu Beginn kribbeln die Finger nur nachts oder nach bestimmten Tätigkeiten. Später kommt Taubheit dazu, auch am Tag. Wer eine Kaffeetasse hält oder einen Knopf schließen will, merkt, dass die Feinmotorik nachlässt. Gegenstände fallen aus der Hand, der Daumen wirkt schwächer.
Bleibt der Druck über Monate bestehen, kann sich der Muskelballen am Daumen zurückbilden. Dann ist der Nerv bereits geschädigt, und die Erholung dauert länger oder bleibt unvollständig. Deshalb lohnt es sich, nicht ewig abzuwarten.
Wie der Neurologe die Diagnose stellt
Die Diagnose beruht zuerst auf Ihrer Beschreibung und der körperlichen Untersuchung. Der Arzt klopft auf das Handgelenk (Hoffmann-Tinel-Zeichen), beugt das Handgelenk für etwa eine Minute (Phalen-Test) und prüft Gefühl und Kraft von Daumen und Fingern.
Zur Bestätigung dient die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit. Dabei werden kleine Stromimpulse über Elektroden an der Haut gegeben und gemessen, wie schnell der Mittelarmnerv das Signal durch den Kanal leitet. Verzögert sich die Leitung dort, ist der Engpass belegt. Unangenehm ist die Untersuchung eher kurzzeitig als schmerzhaft. Gelegentlich ergänzt der Arzt sie durch eine Nadel-Elektromyographie, wenn eine Schädigung der Muskulatur im Raum steht. Mehr zur Methode finden Sie im Beitrag EMG: Einblicke in die Elektromyographie und ihre Anwendungen.
Ein Ultraschall des Nervs kann zusätzlich zeigen, ob er verdickt ist oder ob eine Raumforderung vorliegt.
Was Sie selbst tun können
Bei leichten und neu aufgetretenen Beschwerden helfen oft schon einfache Maßnahmen:
- Nachts eine Handgelenkschiene in Neutralstellung tragen. Sie hält das Gelenk gerade und nimmt Druck vom Nerv.
- Monotone Handgelenkpositionen bei der Arbeit unterbrechen, die Tastatur und Maus so einstellen, dass das Handgelenk gerade bleibt.
- Bei Schwangerschaft die Beschwerden beobachten: Nach der Geburt klingen sie häufig von selbst ab.
- Grunderkrankungen wie Diabetes oder Schilddrüsenprobleme ärztlich einstellen lassen.
Die Schiene muss gut sitzen. Eine zu eng gewickelte Bandage verschlimmert die Sache eher. Welche weiteren Optionen es gibt, wenn die Schiene nicht reicht, hängt vom Befund ab, das entscheidet der Arzt gemeinsam mit Ihnen. Medikamente und deren Dosierung gehören ausschließlich in ärztliche Hände.
Wann Sie zeitnah zum Arzt sollten
- Die Taubheit bleibt auch tagsüber dauerhaft bestehen.
- Sie lassen Dinge fallen oder der Daumen verliert merklich an Kraft.
- Der Daumenballen wird schmaler.
- Die Beschwerden kamen nach einem Unfall oder Handgelenkbruch.
- Es kommen Beschwerden in beiden Armen, am Bein oder im Gesicht hinzu, oder die Taubheit betrifft auch den kleinen Finger. Dann liegt möglicherweise eine andere Ursache vor, etwa an der Halswirbelsäule oder eine Polyneuropathie.
Plötzliche Lähmung, Sprachstörung oder einseitig hängender Mundwinkel sind dagegen ein Notfall, auch wenn die Hand betroffen ist: Rufen Sie sofort den Notruf 112.
Häufige Fragen
Ist ein eingeschlafener Arm nachts immer ein Karpaltunnelsyndrom?
Nein. Auch ein gedrückter Nerv am Ellenbogen, Probleme der Halswirbelsäule oder eine Polyneuropathie können Kribbeln auslösen. Entscheidend ist, welche Finger betroffen sind und was die Beschwerden auslöst. Eine allgemeine Einordnung bietet der Beitrag Kribbeln in Armen und Beinen.
Geht das Karpaltunnelsyndrom von allein weg?
Bei Schwangerschaft häufig ja. Bei anderen Ursachen bessern sich leichte Formen manchmal mit Schiene und Entlastung, andere bleiben oder werden schlimmer. Ob ein Abwarten vertretbar ist, hängt vom Ausmaß der Nervenschädigung ab.
Kann ich das Handgelenk durch Übungen heilen?
Gezielte Nervengleitübungen und Ergotherapie können Beschwerden mildern, ersetzen aber keine Abklärung. Sicher versprechen lässt sich ein Behandlungserfolg nicht, weil er vom Ausgangsbefund abhängt.
Lesen Sie auch
- Kribbeln in Armen und Beinen: Mögliche neurologische Ursachen
- Polyneuropathie Diagnose: Grundlagen, Symptome und moderne Diagnosemethoden
- Muskelzucken: Wann Faszikulationen harmlos sind und wann nicht
Dieser Artikel dient nur der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) u. a.: S3-Leitlinie «Diagnostik und Therapie des Karpaltunnelsyndroms», AWMF-Register Nr. 005-003.
- Padua L. et al.: Carpal tunnel syndrome: clinical features, diagnosis, and management. Lancet Neurol. 2016;15(12):1273–1284.
