Epilepsie wird oft mit einem Krankheitsbild aus der Kindheit verbunden — tatsächlich kann sie in jedem Lebensalter erstmals auftreten, auch bei Erwachsenen ohne jede Vorgeschichte. Da ein epileptischer Anfall sehr unterschiedlich aussehen kann, wird er nicht immer sofort als solcher erkannt. Dieser Überblick zeigt typische Anzeichen und den Weg zur Abklärung.

TL;DR. Ein epileptischer Anfall zeigt sich nicht immer als klassisches Krampfen — auch kurze Aussetzer, plötzliches „Wegtreten” oder ungewöhnliche wiederkehrende Empfindungen können Anfälle sein. Ein erstmaliger epileptischer Anfall bei einem Erwachsenen sollte immer ärztlich abgeklärt werden, da dahinter behandelbare Ursachen stecken können.

Was ein epileptischer Anfall ist

Ein epileptischer Anfall entsteht durch eine kurzzeitige, überschießende elektrische Aktivität im Gehirn. Je nachdem, welcher Hirnbereich betroffen ist, sieht ein Anfall sehr unterschiedlich aus. Nicht jeder einzelne Anfall bedeutet automatisch eine Epilepsie im Sinne einer chronischen Erkrankung — die Diagnose Epilepsie setzt in der Regel wiederholte, nicht durch eine akute Ursache erklärte Anfälle voraus.

Fokale Anfälle: oft schwerer zu erkennen

Fokale Anfälle gehen von einem umschriebenen Hirnbereich aus und können sich sehr unterschiedlich äußern, zum Beispiel als:

  • Plötzliches, kurzes „Wegtreten” oder Innehalten, ohne auf Ansprache zu reagieren
  • Ungewöhnliche wiederkehrende Empfindungen — etwa ein aufsteigendes Gefühl im Bauch, ein bestimmter Geruch oder Geschmack, ein Déjà-vu-Erlebnis
  • Automatische, sich wiederholende Bewegungen, etwa Schmatzen, Nesteln an der Kleidung
  • Kurzzeitiges Kribbeln oder Zucken in einem Körperteil, ohne Bewusstseinsverlust

Diese Formen werden von Betroffenen und Umgebung häufig zunächst nicht als epileptischer Anfall erkannt, sondern als „Aussetzer”, Kreislaufproblem oder Ausdruck von Stress fehlgedeutet.

Generalisierte Anfälle: das klassischere Bild

Bei generalisierten Anfällen ist von Beginn an das gesamte Gehirn beteiligt. Bekanntestes Beispiel ist der tonisch-klonische Anfall („Grand Mal”):

  • Plötzlicher Bewusstseinsverlust, Sturz
  • Zunächst Versteifung des Körpers (tonische Phase), danach rhythmisches Zucken (klonische Phase)
  • Möglich: Zungenbiss, unwillkürlicher Harnabgang
  • Nach dem Anfall häufig Verwirrtheit, starke Erschöpfung, Muskelkater-ähnliche Beschwerden

Manche generalisierte Anfälle zeigen sich auch als kurze, wenige Sekunden dauernde „Absencen” mit Bewusstseinspause, ohne Sturz oder Zucken.

Nächtliche Anfälle: leicht zu übersehen

Manche Anfälle treten ausschließlich oder überwiegend im Schlaf auf und werden dadurch oft erst spät erkannt. Hinweise können sein: unerklärlicher Zungenbiss oder blaue Flecken am Morgen, ein zerwühltes Bett, starke morgendliche Erschöpfung ohne erkennbaren Grund, oder Beobachtungen des Partners bzw. der Partnerin. Auch andere Schlafstörungen können solche Anzeichen zeigen — mehr dazu: Schlafstörungen: Wann liegt eine neurologische Ursache vor?.

Warum ein erstmaliger Anfall immer abgeklärt werden sollte

Ein erstmaliger epileptischer Anfall bei einem Erwachsenen kann viele Ursachen haben — von einer bereits bestehenden, bisher unentdeckten Veranlagung über Stoffwechselstörungen, Schlafentzug, Alkoholentzug bis zu strukturellen Veränderungen im Gehirn, etwa nach einem Schlaganfall oder durch einen Tumor. Nur eine ärztliche Abklärung kann diese Ursachen unterscheiden und einordnen, ob und wie eine Behandlung sinnvoll ist.

Nach einem ersten Anfall ist außerdem in Deutschland in der Regel für eine bestimmte Zeit die Fahrtauglichkeit eingeschränkt — das genaue Vorgehen bespricht die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt im Einzelfall.

Was im akuten Anfall zu tun ist

  • Ruhe bewahren, die Person vor Verletzungen schützen (harte oder scharfe Gegenstände entfernen)
  • Nichts in den Mund stecken, die Person nicht festhalten
  • Nach dem Krampfanteil in die stabile Seitenlage bringen
  • Zeit messen — bei einem Anfall, der länger als 5 Minuten dauert, oder wenn direkt ein weiterer Anfall folgt, sofort den Notruf 112 wählen
  • Auch bei einem erstmaligen Anfall ohne diese Warnzeichen: zeitnah ärztlich vorstellen

Wie die Diagnose gestellt wird

Zur Abklärung gehören typischerweise eine ausführliche Anamnese (idealerweise auch mit Fremdanamnese von Zeugen des Anfalls), eine neurologische Untersuchung, ein EEG (Hirnstrommessung) sowie meist eine Bildgebung des Kopfes (MRT), um strukturelle Ursachen auszuschließen oder zu finden.

Häufig gestellte Fragen

Bedeutet ein einzelner Anfall automatisch Epilepsie?

Nicht zwingend. Die Diagnose Epilepsie setzt in der Regel wiederholte, nicht durch eine erkennbare akute Ursache (z. B. Fieber, Alkoholentzug) erklärte Anfälle voraus. Ein einzelner Anfall wird trotzdem immer abgeklärt.

Kann Epilepsie auch ohne Krampfen auftreten?

Ja, fokale Anfälle können sich sehr subtil äußern, etwa als kurzes Aussetzen, ungewöhnliche Empfindungen oder automatische Bewegungen, ohne sichtbares Krampfen.

Darf man nach einem epileptischen Anfall noch Auto fahren?

Nach einem ersten Anfall besteht in der Regel für eine gewisse Zeit ein Fahrverbot. Die genauen Regelungen und die Dauer bespricht die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt im Einzelfall.

Was löst epileptische Anfälle aus?

Mögliche Auslöser bzw. Ursachen sind unter anderem Schlafentzug, Alkohol(-entzug), bestimmte Stoffwechselstörungen, strukturelle Veränderungen im Gehirn oder eine zugrunde liegende Epilepsie-Veranlagung. Nicht immer lässt sich eine eindeutige Ursache finden.

Ist Epilepsie heilbar?

Viele Epilepsieformen lassen sich medikamentös gut kontrollieren, sodass Betroffene anfallsfrei leben. Ob eine dauerhafte „Heilung” möglich ist, hängt von der zugrunde liegenden Ursache und Epilepsieform ab und wird individuell ärztlich beurteilt.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei einem Anfall, der länger als 5 Minuten dauert, oder mehreren Anfällen hintereinander sofort den Notruf 112 wählen.

Quellen: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) e. V., Leitlinien Erster epileptischer Anfall und Epilepsien; AWMF-Leitlinien-Register, Fachbereich Neurologie; Deutsche Gesellschaft für Epileptologie.