Sie telefonieren eine halbe Stunde, den Ellenbogen auf den Tisch gestützt, und danach sind kleiner Finger und Ringfinger pelzig. Beim Schütteln kribbelt es, nach einer Weile geht es vorbei. Nur kommt es immer öfter wieder. Wer so etwas bemerkt, denkt meist ans Handgelenk. Häufig liegt die Ursache aber am Ellenbogen.
Der Nerv, den man als „Musikantenknochen“ kennt
Der Ellennerv (Nervus ulnaris) verläuft an der Innenseite des Ellenbogens in einer flachen Rinne hinter dem Knochenvorsprung. Dort liegt er fast direkt unter der Haut. Wer sich hier anstößt, kennt das Ziehen bis in die Finger. Genau diese Stelle ist auch seine Schwachstelle.
Der Nerv versorgt den kleinen Finger, die Hälfte des Ringfingers und viele kleine Handmuskeln, die für Feinmotorik und Spreizen der Finger zuständig sind. Wird er am Ellenbogen gedrückt oder gedehnt, spricht man vom Ulnarisrinnensyndrom, auch Kubitaltunnelsyndrom genannt. Nach dem Karpaltunnelsyndrom ist es die zweithäufigste Engpass-Neuropathie der Arme.
Woran Sie es von einem Karpaltunnel unterscheiden
Das Muster der Finger verrät viel. Beim Karpaltunnelsyndrom sind Daumen, Zeige- und Mittelfinger betroffen, der kleine Finger bleibt frei. Beim Ulnarisrinnensyndrom ist es umgekehrt: Kleiner Finger und Ringfinger melden sich, Daumen und Zeigefinger nicht. Mehr zum Karpaltunnel finden Sie im Beitrag Karpaltunnelsyndrom: Wenn die Hände nachts einschlafen.
Weitere Hinweise auf den Ellenbogen als Ursprung:
- Die Beschwerden treten auf, wenn der Ellenbogen länger gebeugt bleibt, etwa beim Telefonieren, Autofahren mit aufgestütztem Arm oder im Schlaf.
- Druck auf die Rinne an der Ellenbogeninnenseite löst Kribbeln in den Fingern aus.
- Auf dem Handrücken, auf der Seite des kleinen Fingers, ist das Gefühl gestört. Das ist bei einem Engpass am Handgelenk nicht der Fall.
Warum der Nerv in Not gerät
Beim Beugen des Ellenbogens wird der Nerv gedehnt und die Rinne enger. Wer den Arm stundenlang gebeugt hält, setzt ihn also doppelt unter Stress. Dazu kommen Dauerdruck durch aufgestützte Ellenbogen, alte Brüche oder Arthrose im Gelenk, Ganglien oder ein Nerv, der bei jeder Beugung aus seiner Rinne springt. Manchmal bleibt die Ursache unklar.
Menschen, die viel am Schreibtisch sitzen, Handwerker mit aufgestütztem Arm und Fahrer mit Ellenbogen im offenen Fenster sind typische Betroffene. Auch Menschen, die im Schlaf den Arm stark anwinkeln, merken es oft zuerst morgens.
Wenn die Hand ungeschickter wird
Anfangs kribbelt es nur zeitweise. Später wird die Taubheit dauerhaft, und die Hand verliert Kraft. Typisch ist, dass der Griff schwächer wird, Schlüssel drehen oder Flaschen öffnen fällt schwer, und feine Handgriffe wie Knöpfe oder Gitarrengriffe gelingen schlechter. Beim Versuch, ein Blatt Papier zwischen Daumen und Zeigefinger zu halten, weichen manche Betroffene unbewusst aus: Der Daumen beugt sich, um zu helfen.
Bleibt der Druck lange bestehen, bilden sich die kleinen Handmuskeln zurück. Zwischen den Mittelhandknochen sinkt die Haut ein, und der kleine Finger steht spreizend ab. Dann ist der Nerv schon deutlich geschädigt. Die Erholung ist langsamer und manchmal nicht vollständig.
Was der Neurologe untersucht
Im Gespräch fragt der Arzt nach Auslösern und Tageszeit, danach prüft er das Gefühl an den Fingern und die Kraft der Handmuskeln. Er klopft auf den Nerv am Ellenbogen und beugt den Arm für eine Weile, um zu sehen, ob die Beschwerden dadurch ausgelöst werden.
Zur Bestätigung dient die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit. Dabei zeigt sich, ob der Nerv genau am Ellenbogen langsamer leitet. Bei Bedarf ergänzt eine Nadeluntersuchung der Muskeln (Elektromyographie) das Bild. Mehr dazu im Beitrag EMG: Einblicke in die Elektromyographie und ihre Anwendungen. Ein Nervenultraschall kann zeigen, ob der Nerv verdickt ist oder ob etwas auf ihn drückt.
Wichtig bleibt die Abgrenzung: Auch ein Bandscheibenproblem an der Halswirbelsäule oder eine Polyneuropathie kann den kleinen Finger betreffen. Bei beidseitigen Beschwerden oder zusätzlichen Ausfällen in den Beinen denkt der Arzt eher daran.
Was im Alltag entlasten kann
Bei leichten Beschwerden steht Entlastung an erster Stelle:
- Ellenbogen nicht aufstützen, besonders nicht auf harter Kante.
- Beim Telefonieren Headset oder Freisprecheinrichtung nutzen, damit der Arm nicht dauerhaft gebeugt bleibt.
- Nachts eine gepolsterte Schiene oder ein locker um den Ellenbogen gewickeltes Handtuch tragen, das ein starkes Anwinkeln verhindert.
- Arbeitsplatz so einrichten, dass der Unterarm aufliegt und der Ellenbogen nicht eng gebeugt bleibt.
Viele leichte Fälle bessern sich damit. Ob eine Operation infrage kommt, hängt davon ab, wie stark der Nerv geschädigt ist und wie lange die Beschwerden schon bestehen. Das entscheiden Neurologie und Handchirurgie gemeinsam mit Ihnen. Medikamente gehören in ärztliche Hände.
Wann Sie zeitnah zum Arzt sollten
- Taubheit in kleinem Finger und Ringfinger bleibt auch tagsüber bestehen.
- Die Greifkraft lässt nach, Dinge fallen aus der Hand.
- Die Muskeln zwischen den Mittelhandknochen oder am Kleinfingerballen werden schmaler.
- Die Beschwerden kamen nach einem Sturz oder Bruch am Ellenbogen.
Plötzliche Lähmung, Sprachstörung oder ein hängender Mundwinkel sind ein Notfall: Rufen Sie sofort den Notruf 112.
Häufige Fragen
Kann ich das Ulnarisrinnensyndrom selbst erkennen?
Hinweise gibt es: kleiner Finger und Ringfinger betroffen, Beschwerden bei gebeugtem Ellenbogen. Sicher unterscheiden lässt es sich von anderen Ursachen nur durch eine Untersuchung.
Geht die Taubheit von allein weg?
Bei leichten Formen und rechtzeitiger Entlastung bessert sie sich oft. Bei dauerhaftem Druck bleibt sie bestehen und kann Muskelschwund nach sich ziehen. Eine feste Prognose ist nicht möglich.
Ist das dasselbe wie ein „eingeklemmter Nerv“ im Nacken?
Nein. Eine gereizte Nervenwurzel an der Halswirbelsäule betrifft meist mehrere Finger oder den ganzen Arm und geht oft mit Nackenschmerzen einher. Eine erste Einordnung bietet der Beitrag Kribbeln in Armen und Beinen.
Lesen Sie auch
- Karpaltunnelsyndrom: Wenn die Hände nachts einschlafen
- Kribbeln in Armen und Beinen: Mögliche neurologische Ursachen
- Polyneuropathie Diagnose: Grundlagen, Symptome und moderne Diagnosemethoden
Dieser Artikel dient nur der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.
Quellen
- Staples J. R., Calfee R.: Cubital tunnel syndrome: current concepts. J Am Acad Orthop Surg. 2017;25(10):e215–e224.
- Caliandro P. et al.: Treatment for ulnar neuropathy at the elbow. Cochrane Database Syst Rev. 2016;11:CD006839.
