Beim Duschen fällt es nicht auf, beim Schuhe-Ausziehen auch nicht. Erst als ein Socken Flecken hat, sieht man die Blase an der Ferse. Gespürt hat man nichts. Genau das macht die diabetische Neuropathie gefährlich: Nicht das Brennen ist das Problem, sondern das Fehlen von Schmerz. Wer seit Jahren Diabetes hat, sollte seine Füße deshalb kennen wie ein Mechaniker sein Auto.
Warum Zucker die Nerven angreift
Dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte schädigen die kleinen Blutgefäße, die die Nerven versorgen, und stören den Stoffwechsel der Nervenzellen selbst. Die längsten Nerven leiden zuerst, also die zu den Füßen. Meist entwickelt sich das über Jahre. Auch Blutdruck, Blutfette und Rauchen spielen mit hinein, deshalb gehört die Nervenfrage immer zur Gesamtbehandlung des Diabetes.
Die diabetische Neuropathie ist eine Form der Polyneuropathie. Wie die Abklärung grundsätzlich abläuft, steht im Beitrag Polyneuropathie: Kribbelnde Füße, Ursachen und Abklärung. Hier geht es um die Besonderheiten bei Diabetes.
Zwei Gesichter: zu viel Gefühl und zu wenig
Die Beschwerden fallen sehr unterschiedlich aus, manchmal bei derselben Person im Wechsel.
- Brennen, Stechen, Elektrisieren, besonders nachts. Schon die Bettdecke kann wehtun.
- Taubheit, ein Gefühl wie dicke Socken oder Watte unter der Sohle.
- Unsicherer Gang, vor allem im Dunkeln oder auf unebenem Boden.
- Trockene, rissige Haut, weil die Nerven, die das Schwitzen steuern, ausfallen.
Viele Betroffene haben gar keine Beschwerden. Die Neuropathie wird dann nur bei der Untersuchung entdeckt. Deshalb ist die jährliche Fußkontrolle beim Hausarzt oder in der diabetologischen Praxis kein Formalismus.
Was ein gefühlloser Fuß anrichtet
Ein kleiner Kieselstein im Schuh, eine zu enge Naht, eine heiße Heizung am Fußende: Ein gesunder Fuß meldet das sofort. Ein gefühlloser Fuß nicht. Die Stelle wird über Tage belastet, die Haut reißt auf, es entsteht ein Druckgeschwür. Zusätzlich ist bei Diabetes oft auch die Durchblutung gestört, und Wunden heilen schlechter. Aus einer unbemerkten Blase kann so ein Geschwür werden, das sich infiziert.
Dazu kommt eine zweite Folge: Wenn Muskeln und Nerven im Fuß nachlassen, verändert sich dessen Form, und es entstehen neue Druckstellen. Auch das lässt sich früh erkennen, wenn man hinschaut.
Die tägliche Fußroutine
Zwei Minuten am Tag genügen. Am besten abends, bei gutem Licht.
- Beide Füße ansehen: Oberseite, Zehen, Zehenzwischenräume, Fersen. Die Sohle lässt sich mit einem Handspiegel prüfen, oder jemand schaut mit.
- Auf Rötungen, Blasen, Risse, Hornhautblutungen, Pilzbefall und eingewachsene Nägel achten.
- Nach dem Waschen gründlich abtrocknen, auch zwischen den Zehen. Feuchte Zwischenräume begünstigen Pilze.
- Trockene Haut täglich eincremen, die Zehenzwischenräume aber auslassen.
- Vor dem Anziehen mit der Hand in den Schuh fassen: Fremdkörper, Falten in der Einlage, raue Stellen.
Die Wassertemperatur sollte man mit dem Ellbogen oder einem Thermometer prüfen, nicht mit dem Fuß. Heiße Fußbäder, Wärmflaschen und Heizkissen sind bei Gefühlsstörung tabu.
Schuhe, Socken, Nägel
Schuhe sollten vorne genug Platz lassen und innen keine harten Nähte haben. Neue Schuhe zieht man anfangs nur stundenweise an. Barfuß gehen, auch zu Hause und am Strand, ist bei Gefühlsstörung riskant. Socken ohne drückende Naht, aus Baumwolle oder anderen Materialien, die Feuchtigkeit gut aufnehmen, jeden Tag wechseln.
Bei einer ausgeprägten Neuropathie kann der Arzt Schuhe oder Einlagen verordnen. Lassen Sie sich dazu in der Praxis beraten. Hornhaut und Nägel schneiden Sie nicht mit Klinge oder Hornhauthobel selbst: Dafür gibt es medizinische Fußpflege, die bei diabetischem Fußsyndrom unter bestimmten Voraussetzungen ärztlich verordnet werden kann.
Was gegen die Schmerzen hilft und was gegen die Ursache
Zuerst zählt die Ursache. Eine möglichst stabile Blutzuckereinstellung bremst das Fortschreiten der Nervenschäden, besonders bei Typ-1-Diabetes ist der Nutzen gut belegt. Rückgängig machen lassen sich bestehende Schäden dadurch nur zum Teil. Starke Schwankungen und häufige Unterzuckerungen sollte man mit dem Behandlungsteam besprechen.
Gegen die Nervenschmerzen gibt es spezielle Medikamentengruppen, zum Beispiel bestimmte Antidepressiva oder Antikonvulsiva. Gewöhnliche Schmerzmittel wirken bei Nervenschmerzen oft schlecht. Welches Mittel passt, entscheidet die Ärztin oder der Arzt, ebenso über Dauer und Absetzen. Nehmen Sie keine verordneten Medikamente eigenmächtig ab oder aus.
Bewegung hilft zusätzlich: Gehen, Radfahren oder Wassergymnastik, je nach Zustand der Füße. Gleichgewichtsübungen verringern die Sturzgefahr.
Wann Sie sofort zum Arzt sollten
- Offene Stelle, Blase oder Riss am Fuß, die nach ein bis zwei Tagen nicht besser wird,
- Rötung, Schwellung, Überwärmung oder Geruch am Fuß, besonders mit Fieber,
- ein plötzlich geschwollener, warmer und geröteter Fuß ohne klaren Anlass,
- Schmerzen in der Wade oder im Fuß beim Gehen, die in Ruhe verschwinden,
- rasch zunehmende Schwäche oder Lähmung: Notruf 112.
Warten Sie bei Wunden nicht ab, ob es von selbst abheilt. Der Hausarzt oder eine Fußambulanz können einschätzen, ob eine spezialisierte Wundversorgung nötig ist. Welche Symptome allgemein abgeklärt werden sollten, beschreibt die Seite Wann zum Neurologen? Symptome, die eine Abklärung brauchen.
Häufige Fragen
Wie oft sollten die Füße untersucht werden?
Mindestens einmal im Jahr, bei erkennbaren Gefühlsstörungen, Durchblutungsproblemen oder Fußfehlstellungen häufiger. Den Rhythmus legt die behandelnde Praxis fest. Wer Beschwerden bemerkt, wartet nicht bis zum Termin.
Geht die diabetische Neuropathie wieder weg?
Ein Teil der Beschwerden kann sich bei guter Stoffwechseleinstellung bessern oder zumindest nicht weiter zunehmen. Bereits untergegangene Nervenfasern wachsen nur begrenzt nach. Das Ziel ist deshalb, weitere Schäden und Fußverletzungen zu verhindern.
Ist Brennen an den Füßen immer diabetisch?
Nein. Auch Vitamin-B12-Mangel, Alkohol, Nierenerkrankungen oder Schilddrüsenstörungen können die Nerven schädigen. Bei Diabetes sollte man das trotzdem nicht einfach auf den Zucker schieben, sondern ärztlich klären lassen.
Reichen Cremes und Fußbäder gegen die Beschwerden?
Pflegende Cremes schützen die Haut, lindern aber keine Nervenschmerzen. Fußbäder sind wegen der Verbrühungsgefahr bei Gefühlsstörung nur mit geprüfter, lauwarmer Temperatur und kurz sinnvoll, im Zweifel besser weglassen.
Lesen Sie auch
- Polyneuropathie: Kribbelnde Füße, Ursachen und Abklärung
- Nervenleitgeschwindigkeit messen (ENG): Ablauf und Aussagekraft
- Kribbeln in Armen und Beinen: Mögliche neurologische Ursachen
Dieser Artikel dient nur der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): Leitlinie «Diagnostik bei Polyneuropathien», AWMF-Register Nr. 030-067.
- Pop-Busui R. et al.: Diabetic Neuropathy: A Position Statement by the American Diabetes Association. Diabetes Care. 2017;40(1):136–154.
- Callaghan B. C. et al.: Diabetic neuropathy: clinical manifestations and current treatments. Lancet Neurol. 2012;11(6):521–534.
