Sie wollen nur die Zähne putzen oder einen Schluck Kaffee trinken, und plötzlich schießt es in die Wange, als hätte jemand einen Stromstoß ausgelöst. Nach ein paar Sekunden ist es vorbei. Aus Angst vor dem nächsten Mal essen Sie vorsichtig, sprechen kaum und meiden den Wind. Hinter solchen Attacken steckt oft eine Trigeminusneuralgie, und der Weg zur richtigen Diagnose führt erstaunlich oft zuerst zum Zahnarzt.
Wie sich der Schmerz anfühlt
Der Trigeminusnerv ist der Hauptnerv des Gesichts. Er hat drei Äste: einen für Stirn und Augenregion, einen für Wange und Oberkiefer, einen für Unterkiefer und Kinn. Meist ist ein Ast der unteren zwei betroffen, und fast immer nur eine Gesichtsseite.
Typisch sind einschießende Attacken. Sie wirken wie Elektroschläge, stechen oder schneiden. Eine einzelne Attacke dauert Sekunden, selten bis zu zwei Minuten. Dazwischen können Sie völlig beschwerdefrei sein. Das macht die Krankheit so zermürbend: Der Schmerz ist kurz, aber er kommt in Serien und ohne Vorwarnung.
Manche Menschen haben zusätzlich einen dumpfen, anhaltenden Hintergrundschmerz im selben Gebiet. Auch das gibt es, und es ändert die Diagnose nicht grundsätzlich.
Was die Attacken auslöst
Oft reichen harmlose Reize, die gar nicht wehtun sollten:
- Kauen, Sprechen, Gähnen,
- Zähneputzen, Rasieren, Schminken,
- ein Luftzug oder kaltes Wasser im Gesicht,
- eine leichte Berührung der Wange.
Wer das erkennt, ändert sein Verhalten, ohne es zu merken. Manche Betroffene putzen die Zähne nur noch auf einer Seite oder essen zu wenig und nehmen ab. Solche Ausweichmuster sind für die Ärztin oder den Arzt ein wichtiger Hinweis.
Warum der Nerv „überreagiert”
Bei den meisten Menschen liegt eine Gefäßschlinge an der Nervenwurzel, kurz hinter dem Hirnstamm. Ein Blutgefäß drückt auf den Nerv, die Schutzschicht der Fasern leidet, und die Nervenzellen feuern unkontrolliert. Man nennt das klassische Trigeminusneuralgie.
Seltener gibt es eine erkennbare andere Ursache. Dazu zählen Entzündungsherde bei Multipler Sklerose oder ein Tumor in der Nähe des Nervs. Dann spricht man von sekundärer Trigeminusneuralgie. Bei manchen bleibt trotz aller Untersuchungen die Ursache offen. Warum das so unterschiedlich ist, zeigt, wie wichtig die Bildgebung ist (siehe unten).
Zahnschmerz, Kiefergelenk, Cluster: Womit sie verwechselt wird
Im Alltag landen viele Betroffene zuerst beim Zahnarzt. Es wird ein Zahn behandelt, manchmal gezogen, und der Schmerz bleibt. Das ist kein Fehler der Zahnmedizin, sondern ein Zeichen, wie ähnlich sich die Beschwerden anfühlen.
Einige Unterschiede helfen bei der Einordnung:
- Zahnschmerz pocht meist und hält an, oft mit Wärme- oder Kälteempfindlichkeit eines einzelnen Zahns. Der Trigeminusschmerz schießt kurz ein und lässt sich nicht einem Zahn zuordnen.
- Bei Kiefergelenksbeschwerden schmerzt vor allem die Bewegung, häufig mit Knacken oder Verspannung der Kaumuskeln.
- Clusterkopfschmerz sitzt um das Auge, dauert 15 Minuten bis drei Stunden und kommt mit tränendem Auge oder laufender Nase. Mehr zur Abgrenzung der Kopfschmerzformen finden Sie unter Migräne oder normaler Kopfschmerz.
- Nach einer Gürtelrose im Gesicht kann ein brennender Dauerschmerz zurückbleiben. Er fühlt sich anders an als die kurzen Blitze.
Wie die Abklärung abläuft
Die Diagnose stützt sich vor allem auf Ihre Beschreibung. Die Neurologin oder der Neurologe fragt nach Dauer, Ort, Auslösern und Pausen zwischen den Attacken. Sie untersucht außerdem die Gesichtssensibilität und die Hirnnerven. Bei der klassischen Form ist die Untersuchung zwischen den Attacken meist normal.
Eine Kernspintomografie (MRT) gehört dazu. Sie soll zeigen, ob ein Gefäß am Nerv anliegt und ob eine andere Ursache wie Multiple Sklerose oder ein Tumor vorliegt. Einen ersten Überblick, woran man eine solche Erkrankung früh erkennt, gibt der Beitrag Früherkennung von Multipler Sklerose. Ist der Befund unklar, kann der Zahnarzt zusätzlich ausschließen, dass ein Zahn die Beschwerden verursacht.
Behandlung: erst Medikamente, dann Eingriffe
Gewöhnliche Schmerzmittel wirken bei diesem Schmerz meist schlecht. Zum Einsatz kommen Medikamente, die die Erregbarkeit der Nervenzellen dämpfen, vor allem Natriumkanalblocker wie Carbamazepin oder Oxcarbazepin. Sie gelten als erste Wahl. Welches Mittel, in welcher Menge und wie lange, entscheidet allein die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt, denn Nebenwirkungen und Wechselwirkungen müssen kontrolliert werden. Setzen Sie ein verordnetes Medikament nie eigenmächtig ab.
Wirken die Tabletten nicht mehr ausreichend oder werden sie schlecht vertragen, kommen Eingriffe in Betracht:
- Bei Gefäßkontakt kann eine mikrovaskuläre Dekompression sinnvoll sein. Dabei wird das Gefäß vom Nerv weggeschoben. Es ist eine Operation am Schädel und wird in spezialisierten Zentren durchgeführt.
- Andere Verfahren zielen darauf, die Schmerzleitung des Nervs gezielt zu unterbrechen, etwa per Strahlen- oder Nadeltechnik.
Welcher Weg passt, hängt vom Alter, von Begleiterkrankungen und vom MRT-Befund ab. Das wird im Gespräch abgewogen, nicht nach Schema.
Was im Alltag helfen kann
Ein Schmerztagebuch ist unscheinbar, aber nützlich: Wann kam die Attacke, wie lange, was ging voraus? Nach ein bis zwei Wochen sehen Sie Muster, die im Gespräch Zeit sparen. Dazu kommen kleine Anpassungen. Lauwarmes statt kaltes Wasser im Gesicht, weiche Kost in schlechten Phasen, ein Schal bei Wind. Sie ersetzen keine Therapie, nehmen aber manchen Auslöser weg.
Die Krankheit kann sehr belasten. Wenn Sie kaum noch essen, schlecht schlafen oder sich zurückziehen, sagen Sie das offen. Auch das ist Teil der Behandlung.
Wann Sie sofort zum Arzt sollten
- erstmals aufgetretene, heftige Gesichtsschmerzen, die nicht nachlassen,
- Taubheit im Gesicht, Gesichtslähmung oder Doppelbilder zusammen mit dem Schmerz,
- Gesichtsschmerz nach einer Gürtelrose oder mit Fieber,
- starke Gewichtsabnahme, weil Essen und Trinken zu schmerzhaft sind,
- plötzlich hängender Mundwinkel, Sprachstörung oder Lähmung eines Arms: Notruf 112, das kann ein Schlaganfall sein.
Welche Symptome grundsätzlich in die neurologische Praxis gehören, beschreibt die Seite Wann zum Neurologen? Symptome, die eine Abklärung brauchen.
Häufige Fragen
Ist die Trigeminusneuralgie gefährlich?
Die klassische Form schädigt den Nerv nicht weiter und gefährdet nicht das Leben. Sie kann aber die Lebensqualität stark einschränken. Deshalb sollte sie behandelt werden, und eine zugrunde liegende Ursache muss ausgeschlossen werden.
Geht der Schmerz von selbst weg?
Er kann über Wochen oder Monate verschwinden und dann wiederkehren. Dass die Pause lang war, heißt nicht, dass er endgültig weg ist. Ob und wann Sie behandelt werden, bespricht man am besten früh.
Kann ein Zahnarzt die Ursache beheben?
Nur, wenn tatsächlich ein Zahn schuld ist. Bleibt der Schmerz nach einer zahnärztlichen Behandlung unverändert, sollten Sie eine neurologische Abklärung anstreben.
Hilft Ibuprofen?
Meist nicht ausreichend, weil der Schmerz aus der Nervenreizung kommt. Welche Mittel infrage kommen, legt die Ärztin oder der Arzt fest.
Lesen Sie auch
- Migräne oder normaler Kopfschmerz: So erkennen Sie den Unterschied
- Effektive Behandlungsansätze für Nervenschmerzen
- Früherkennung von Multipler Sklerose: Ein Leitfaden zur richtigen Diagnose
Dieser Artikel dient nur der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.
Quellen
- Bendtsen L. et al.: European Academy of Neurology guideline on trigeminal neuralgia. Eur J Neurol. 2019;26(6):831–849.
- Cruccu G. et al.: Trigeminal neuralgia: New classification and diagnostic grading for practice and research. Neurology. 2016;87(2):220–228.
- Headache Classification Committee of the International Headache Society: The International Classification of Headache Disorders, 3rd edition (ICHD-3). Cephalalgia. 2018;38(1):1–211.
