Die Suppe schwappt vom Löffel, das Weinglas lässt sich nur mit beiden Händen sicher halten, und die Unterschrift an der Supermarktkasse wird zur Geduldsprobe: Wer mit einem essentiellen Tremor lebt, kennt solche Momente. Die Diagnose ist zunächst eine Erleichterung, weil sie nicht Parkinson heißt. Danach beginnen die praktischen Fragen: Wird das Zittern schlimmer? Muss ich Medikamente nehmen? Was hilft im Alltag? Dieser Artikel richtet sich an Betroffene und Angehörige und fasst zusammen, was über Verlauf, Behandlung und Selbsthilfe bekannt ist.

Was den essentiellen Tremor ausmacht

Der essentielle Tremor ist eine eigenständige Bewegungsstörung und gehört zu den häufigsten überhaupt. Typisch ist ein Zittern beider Hände und Arme, das beim Halten und bei Bewegungen auftritt, also als Aktionstremor. In Ruhe, wenn die Hände entspannt im Schoß liegen, ist meist nichts zu sehen. Die internationale Fachgesellschaft für Bewegungsstörungen spricht von einem essentiellen Tremor, wenn dieses Zittern seit mindestens drei Jahren besteht und keine weiteren neurologischen Auffälligkeiten vorliegen.

Zusätzlich können der Kopf (als Nicken oder Kopfschütteln), die Stimme oder seltener die Beine betroffen sein. Die Erkrankung kann in jedem Lebensalter beginnen, wird aber mit zunehmendem Alter häufiger. Oft zittern auch Eltern oder Geschwister. Die genaue Ursache ist nicht geklärt; man geht von einer gestörten Abstimmung in Regelkreisen zwischen Kleinhirn, Thalamus und Hirnrinde aus.

Wie Ärzte den essentiellen Tremor von anderen Formen abgrenzen, lesen Sie im Überblick Zittern der Hände (Tremor): Ursachen, Formen und wann Sie zum Neurologen sollten.

Wie verläuft die Erkrankung?

Der essentielle Tremor nimmt in der Regel langsam über Jahre und Jahrzehnte zu. Wie schnell, ist von Mensch zu Mensch sehr verschieden: Manche bemerken über lange Zeit kaum eine Veränderung, bei anderen wird das Zittern stärker und greift auf Kopf oder Stimme über. Vorhersagen lässt sich der individuelle Verlauf nicht.

Wichtig für die Einordnung:

  • Der essentielle Tremor ist nicht lebensbedrohlich.
  • Er ist keine Vorstufe der Parkinson-Krankheit, auch wenn beide Erkrankungen gelegentlich verwechselt werden.
  • Die Belastung entsteht vor allem durch die Einschränkung bei feinen Tätigkeiten und durch die Scham, in der Öffentlichkeit zu zittern. Viele Betroffene meiden Restaurantbesuche oder Feiern. Dieser Rückzug wiegt oft schwerer als das Zittern selbst und gehört in das Gespräch mit dem Arzt.

Was das Zittern verstärkt

Die Stärke des Tremors schwankt im Tagesverlauf und hängt von der Situation ab. Häufige Verstärker sind:

  • Aufregung, Zeitdruck und das Gefühl, beobachtet zu werden,
  • Müdigkeit und Schlafmangel,
  • körperliche Anstrengung, Kälte, Hunger,
  • Koffein, bei manchen Menschen schon in kleinen Mengen,
  • bestimmte Medikamente, etwa einige Asthmamittel, Antidepressiva oder zu hoch eingestellte Schilddrüsenhormone.

Führen Sie ein paar Wochen lang ein einfaches Tagebuch: Wann war das Zittern stark, was ging voraus? So erkennen Sie Ihre persönlichen Auslöser. Wenn Sie ein Medikament in Verdacht haben, setzen Sie es nicht selbst ab, sondern besprechen Sie das mit dem verordnenden Arzt.

Viele Betroffene stellen fest, dass ein Glas Wein oder Bier das Zittern für kurze Zeit dämpft. Als Behandlung eignet sich Alkohol nicht: Die Wirkung hält nur kurz an, danach ist das Zittern oft stärker als zuvor, und der regelmäßige Einsatz birgt die Gefahr einer Abhängigkeit.

Was im Alltag hilft

Viele kleine Anpassungen nehmen dem Tremor einen Teil seiner Wirkung. Eine Ergotherapie, die der Arzt verordnen kann, hilft dabei, die passenden Lösungen zu finden und einzuüben.

Essen und Trinken

  • Schwereres Besteck mit dicken Griffen liegt ruhiger in der Hand.
  • Tassen und Gläser nur halb füllen; Becher mit Deckel oder Trinkhalm verwenden.
  • Die Ellenbogen auf dem Tisch abstützen und das Glas mit beiden Händen führen.
  • Tiefe Teller oder Teller mit erhöhtem Rand erleichtern das Aufnehmen der Speisen.

Schreiben und Arbeiten am Bildschirm

  • Dickere, schwerere Stifte und eine rutschfeste Unterlage verbessern das Schriftbild.
  • Den Unterarm beim Schreiben vollständig auflegen.
  • Spracheingabe und Diktierfunktion an Smartphone und Computer nutzen.
  • In den Bedienungshilfen lassen sich Tastatur, Maus und Touchscreen so einstellen, dass versehentliche Mehrfacheingaben ignoriert werden.

Körperpflege und Haushalt

  • Elektrische Zahnbürste und Elektrorasierer statt Handgeräten.
  • Kleidung mit Reiß- oder Klettverschlüssen, Schuhe ohne Schnürung, wenn Knöpfe und Schleifen zur Hürde werden.
  • Arbeiten, die Feingefühl verlangen, auf die Tageszeit legen, zu der das Zittern erfahrungsgemäß am geringsten ist.

Umgang mit der Anspannung

Je stärker man versucht, das Zittern zu verbergen, desto stärker wird es meist. Vielen hilft es, das Thema offen anzusprechen: „Ich habe einen Tremor, das ist harmlos.“ Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelentspannung beseitigen den Tremor nicht, können aber den Teufelskreis aus Anspannung und stärkerem Zittern abschwächen. Der Austausch in einer Selbsthilfegruppe entlastet ebenfalls.

Wann eine Behandlung sinnvoll ist

Ob behandelt wird, hängt nicht davon ab, wie stark das Zittern von außen aussieht, sondern davon, wie sehr es Sie im Beruf, im Alltag oder im Umgang mit anderen einschränkt. Ein leichter Tremor, der kaum stört, braucht keine Medikamente. Umgekehrt muss niemand jahrelang ausharren, wenn das Essen in Gesellschaft oder die Arbeit zur Qual wird.

Realistische Erwartungen sind wichtig: Die verfügbaren Behandlungen können das Zittern verringern, heilen können sie die Erkrankung nicht. Meist bleibt ein Rest-Tremor bestehen, und nicht jede Behandlung wirkt bei jedem.

Medikamente

Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie nennt als Mittel der ersten Wahl einen bestimmten Betablocker sowie zwei Wirkstoffe aus der Gruppe der Antiepileptika. Welches Präparat in Frage kommt, entscheidet der Arzt nach Alter, Begleiterkrankungen und den übrigen Medikamenten. So sind Betablocker zum Beispiel bei Asthma oder bestimmten Herzrhythmusstörungen nicht geeignet.

Was Sie wissen sollten:

  • Die Behandlung wird schrittweise begonnen. Bis sich zeigt, ob ein Mittel hilft, vergehen meist einige Wochen.
  • Mögliche Nebenwirkungen sind je nach Wirkstoff Müdigkeit, Schwindel, ein langsamer Puls, niedriger Blutdruck oder Konzentrationsstörungen. Berichten Sie dem Arzt davon, statt das Mittel einfach wegzulassen.
  • Wirkt das erste Medikament nicht ausreichend, kann der Arzt auf ein anderes wechseln oder zwei Mittel kombinieren.
  • Bei einem Kopf- oder Stimmtremor, der auf Tabletten häufig schlechter anspricht, kann in spezialisierten Ambulanzen eine Behandlung mit Botulinumtoxin erwogen werden.

Eingriffe bei schwerem Tremor

Wenn das Zittern trotz Medikamenten den Alltag erheblich einschränkt, stehen in spezialisierten Zentren zwei Verfahren zur Verfügung:

  • Tiefe Hirnstimulation: Dünne Elektroden werden in einen Kern des Thalamus eingesetzt und mit einem unter der Haut liegenden Impulsgeber verbunden. Die Stimulation lässt sich nachträglich anpassen und abschalten. Es handelt sich um eine Operation am Gehirn mit den entsprechenden Risiken, etwa Blutung oder Infektion.
  • MRT-gesteuerter fokussierter Ultraschall: Gebündelte Ultraschallwellen veröden ohne Öffnung des Schädels gezielt ein kleines Areal im Thalamus. Der Eingriff lässt sich nicht rückgängig machen und wird in der Regel nur auf einer Seite durchgeführt. Mögliche Folgen sind Gefühls- oder Gangstörungen.

Ob ein Eingriff in Frage kommt und welcher, klärt ein Zentrum für Bewegungsstörungen nach eingehender Untersuchung. Die Überweisung erfolgt über den behandelnden Neurologen.

Wann Sie sofort zum Arzt sollten

Der essentielle Tremor selbst ist kein Notfall. Rufen Sie aber den Notruf 112, wenn ein Zittern oder eine Ungeschicklichkeit plötzlich neu auftritt und von Lähmungen, einem hängenden Mundwinkel, Sprach- oder Sehstörungen oder Verwirrtheit begleitet wird.

Vereinbaren Sie zeitnah einen Termin beim Neurologen, wenn sich ein bekannter Tremor verändert:

  • Das Zittern nimmt innerhalb weniger Wochen deutlich zu.
  • Es tritt jetzt auch in Ruhe oder nur noch auf einer Seite auf.
  • Bewegungen werden langsamer, der Gang unsicher, die Schrift kleiner.
  • Unter einem Medikament kommt es zu Schwindel, Ohnmachtsgefühl, sehr langsamem Puls oder Atemnot.
  • Niedergeschlagenheit oder sozialer Rückzug nehmen zu.

Solche Veränderungen bedeuten nicht automatisch eine neue Erkrankung, sollten aber überprüft werden. Welche Untersuchungen dann anstehen können, beschreibt der Beitrag zur Diagnostik der Parkinson-Krankheit.

Häufige Fragen

Wird aus einem essentiellen Tremor Parkinson?

Nein, der essentielle Tremor ist eine eigene Erkrankung und geht nicht in Parkinson über. Beide können allerdings unabhängig voneinander auftreten. Ändert sich das Zittern in seiner Art, sollte der Neurologe die Diagnose überprüfen.

Hilft es, ganz auf Kaffee zu verzichten?

Das ist individuell verschieden. Koffein kann das Zittern verstärken, bei manchen Menschen macht es aber keinen spürbaren Unterschied. Ein Versuch über zwei bis drei Wochen zeigt, ob Sie profitieren.

Darf ich mit einem essentiellen Tremor Auto fahren?

In den meisten Fällen ja, weil der Tremor das Lenken und Bremsen kaum beeinträchtigt. Bei starkem Zittern oder wenn Medikamente müde machen, sollten Sie die Fahreignung mit Ihrem Arzt besprechen.

Kann ich das Zittern wegtrainieren?

Nein. Krafttraining und Geschicklichkeitsübungen beseitigen den Tremor nicht. Ergotherapie und gezielte Hilfsmittel helfen aber, trotz Zittern sicherer zu essen, zu schreiben und zu arbeiten.

Lesen Sie auch

Dieser Artikel dient nur der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

Quellen

  1. Deuschl G., Schwingenschuh P. et al. Tremor, S2k-Leitlinie, 2022. In: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. AWMF-Registernummer 030/011.
  2. Bhatia K. P., Bain P., Bajaj N. et al. Consensus Statement on the classification of tremors, from the task force on tremor of the International Parkinson and Movement Disorder Society. Movement Disorders. 2018; 33(1): 75–87.