Nachts brennen die Fußsohlen, schon die Bettdecke fühlt sich unangenehm an. Der Neurologe misst die Nervenleitgeschwindigkeit, und das Ergebnis ist unauffällig. Beruhigend? Nur halb. Es gibt eine Form der Nervenschädigung, die dabei durchs Raster fällt: die Small-Fiber-Neuropathie. Sie betrifft die dünnsten Nervenfasern, und genau die erfasst die übliche Messung nicht.
Warum die Messung normal sein kann
Nerven bestehen aus dicken, markhaltigen und aus sehr dünnen, kaum oder nicht isolierten Fasern. Die dicken melden Berührung, Vibration und Lage der Gelenke. Die dünnen (A-delta- und C-Fasern) leiten Schmerz, Hitze- und Kältereize weiter und steuern außerdem unwillkürliche Funktionen wie Schwitzen und Durchblutung der Haut.
Die klassische Nervenleitmessung (so läuft die ENG ab) prüft vor allem die dicken Fasern. Sind nur die dünnen erkrankt, bleibt die Kurve normal. Das Ergebnis ist dann korrekt und trotzdem kein Entwarnungssignal.
Was Betroffene spüren
Die Beschwerden beginnen meist an den Füßen, manchmal auch an den Händen, und sind oft an beiden Seiten gleich.
- Brennen, Stechen oder Kribbeln, abends und nachts schlimmer,
- Schmerz schon bei leichter Berührung, etwa durch Socken oder Bettdecke,
- Kälte- oder Hitzeempfinden, das nicht zur Umgebung passt,
- trockene Haut oder verändertes Schwitzen,
- bei manchen Betroffenen Herzklopfen, Schwindel beim Aufstehen, Verdauungsbeschwerden oder Blasenprobleme, weil auch die vegetativen Fasern beteiligt sind.
Kraft und Reflexe sind anfangs meist normal. Das macht die Erkrankung schwer zu fassen, und manche Betroffene hören lange, es sei „nichts zu finden”.
Wie die Diagnose gestellt wird
Am Anfang stehen das Gespräch und die körperliche Untersuchung. Der Neurologe prüft Temperatur- und Schmerzempfinden, zum Beispiel mit einem warmen und kalten Gegenstand oder mit einer Spitze. Ergänzend gibt es Spezialverfahren, die dünne Fasern gezielt untersuchen:
- Hautbiopsie: Aus dem Unterschenkel wird eine kleine Hautprobe entnommen und die Dichte der Nervenfasern in der Oberhaut gezählt. Das gilt als wichtiger Baustein der Diagnose.
- Quantitative sensorische Testung (QST): Geräte prüfen, ab wann Wärme, Kälte und Schmerz wahrgenommen werden.
- Tests der Schweißfunktion oder der Herz-Kreislauf-Regulation, wenn vegetative Beschwerden bestehen.
Nicht jede Praxis bietet diese Verfahren an. Oft läuft es über spezialisierte neurologische Ambulanzen oder Schmerzzentren. Fragen Sie nach, wenn die Beschwerden typisch sind und die Standardmessung unauffällig war.
Mögliche Ursachen
Wie bei der klassischen Polyneuropathie lässt sich oft eine behandelbare Ursache finden. Häufig genannt werden:
- gestörter Zuckerstoffwechsel, auch Vorstufen des Diabetes (mehr dazu in Diabetische Neuropathie: Füße schützen und Warnzeichen erkennen),
- Vitamin-B12-Mangel (Vitamin-B12-Mangel: Wenn Nerven Beschwerden machen),
- Schilddrüsenerkrankungen,
- regelmäßig hoher Alkoholkonsum,
- Autoimmunerkrankungen und entzündliche Erkrankungen,
- bestimmte Medikamente,
- seltene erbliche Formen.
In einem erheblichen Teil der Fälle bleibt die Ursache trotz gründlicher Suche offen. Das ist belastend, heißt aber nicht, dass man nichts tun kann.
Was hilft
Zuerst zählt die Ursache: Wird ein Diabetes besser eingestellt oder ein Mangel ausgeglichen, kann das Fortschreiten gebremst werden. Daneben geht es um die Schmerzen. Dafür gibt es verschiedene Medikamentengruppen, die gegen Nervenschmerzen eingesetzt werden, etwa bestimmte Antikonvulsiva und Antidepressiva. Sie wirken nicht bei jedem gleich, haben Nebenwirkungen und werden von der Ärztin oder dem Arzt ausgewählt und angepasst. Nehmen Sie nichts eigenmächtig und setzen Sie nichts selbst ab.
Im Alltag helfen oft Kleinigkeiten:
- lockere, weiche Socken und Schuhe ohne Druckstellen,
- die Bettdecke bei Berührungsschmerz mit einem Gestell von den Füßen abheben,
- kühle (nicht eiskalte) Fußbäder, wenn Wärme die Beschwerden verstärkt,
- regelmäßige Bewegung, soweit sie vertragen wird,
- Schlafrhythmus und Stress im Blick behalten, denn beides verstärkt Schmerzen.
Nervenschmerzen sind ein Dauerthema, kein Schicksal, das man aushalten muss. Wer unter den Beschwerden leidet, sollte das offen ansprechen. Schmerztherapeutische Ansätze und psychologische Verfahren können die Belastung mindern.
Wann Sie sofort zum Arzt sollten
- rasch zunehmende Schwäche oder Taubheit in Beinen oder Armen,
- Störungen von Blasen- oder Darmkontrolle,
- Ohnmacht oder starkes Herzrasen,
- Wunden an den Füßen, die nicht heilen, besonders bei Diabetes,
- plötzliche Lähmung, Sprachstörung oder hängender Mundwinkel: Notruf 112.
Auch ohne diese Alarmzeichen sollten anhaltendes Brennen oder Kribbeln in beiden Füßen abgeklärt werden. Eine Übersicht, welche Symptome in die neurologische Praxis gehören, finden Sie auf der Seite Wann zum Neurologen? Symptome, die eine Abklärung brauchen.
Häufige Fragen
Mein Nervenmessergebnis war normal. Kann ich trotzdem eine Neuropathie haben?
Ja. Die Standardmessung erfasst die dünnen Fasern nicht. Bei typischen Beschwerden kommen weitere Untersuchungen wie eine Hautbiopsie infrage.
Ist die Small-Fiber-Neuropathie gefährlich?
Meist verläuft sie langsam, und die Kraft bleibt erhalten. Belastend sind vor allem Schmerzen und mögliche vegetative Beschwerden. Weil sich dahinter behandelbare Ursachen verbergen können, lohnt die Abklärung.
Geht das Brennen wieder weg?
Das hängt von der Ursache ab. Wird sie gefunden und behandelt, können sich die Beschwerden bessern. Bei anderen Formen steht die Linderung der Schmerzen im Vordergrund. Eine verlässliche Prognose kann nur die behandelnde Praxis nach der Untersuchung geben.
Lesen Sie auch
- Polyneuropathie: Kribbelnde Füße, Ursachen und Abklärung
- Diabetische Neuropathie: Füße schützen und Warnzeichen erkennen
- Vitamin-B12-Mangel: Wenn Nerven Beschwerden machen
- Kribbeln in Armen und Beinen: Mögliche neurologische Ursachen
Dieser Artikel dient nur der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): Leitlinie «Diagnostik bei Polyneuropathien», AWMF-Register Nr. 030-067.
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): Leitlinie «Diagnose und nicht interventionelle Therapie neuropathischer Schmerzen», AWMF-Register Nr. 030-114.
