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Kiefergelenk oder Nerv: Woher der Gesichtsschmerz kommt

Frau fasst sich beim Frühstück an die schmerzende Wange vor dem Ohr

Morgens knackt es beim Gähnen, mittags zieht es vor dem Ohr, und beim Kauen eines Brötchens wird aus dem Ziehen ein Stechen. Ist das nun das Kiefergelenk, ein Nerv oder doch ein Zahn? Die Frage ist berechtigt, denn Gesichtsschmerz hat viele Quellen, und sie fühlen sich anfangs erstaunlich ähnlich an.

Zwei Schmerzen, die sich gern verwechseln lassen

Auf der einen Seite stehen die Kiefergelenks- und Kaumuskelbeschwerden. Fachleute fassen sie unter dem Begriff temporomandibuläre Dysfunktion (TMD) zusammen. Auf der anderen Seite steht die Trigeminusneuralgie, ein Nervenschmerz im Versorgungsgebiet des Gesichtsnervs. Beide können bei Kauen, Sprechen oder Zähneputzen auftreten. Beide betreffen oft nur eine Gesichtshälfte.

Der Unterschied liegt weniger im Ort als im Charakter des Schmerzes und darin, was ihn auslöst.

Woran Sie Kiefergelenk- und Kaumuskelschmerz erkennen

Die internationalen Diagnosekriterien (DC/TMD, Schiffman et al., 2014) unterscheiden Schmerzen in den Kaumuskeln, Schmerzen im Gelenk selbst und Veränderungen der Gelenkscheibe. Im Alltag zeigt sich das so:

  • dumpfer, ziehender oder drückender Schmerz vor dem Ohr, an der Wange oder an der Schläfe,
  • Schmerz, der beim Kauen, Gähnen oder weiten Mundöffnen zunimmt und in Ruhe nachlässt,
  • Knacken oder Reiben im Gelenk, manchmal ohne jeden Schmerz,
  • Druckempfindlichkeit der Kaumuskeln, morgendliche Verspannung, Kieferpressen oder Zähneknirschen,
  • eingeschränkte Mundöffnung, in manchen Fällen mit kurzem Hängenbleiben des Kiefers.

Der Schmerz lässt sich meist reproduzieren: Drückt die Ärztin oder der Zahnarzt auf Muskel oder Gelenk und trifft genau Ihren gewohnten Schmerz, spricht das für eine Kiefergelenks- oder Muskelursache. Bei diesen Schmerzdiagnosen reicht nach den DC/TMD-Kriterien die klinische Untersuchung aus. Eine Bildgebung ist dafür nicht nötig.

Woran Sie einen Nervenschmerz erkennen

Die klassische Trigeminusneuralgie fühlt sich anders an. Der Schmerz kommt in Sekundenbruchteilen, einschießend wie ein Stromschlag, meist im Bereich von Wange, Oberkiefer oder Unterkiefer. Zwischen den Attacken kann es völlig schmerzfrei sein. Auslöser sind oft leichte Berührungen: Zähneputzen, Rasieren, ein Luftzug, Sprechen, Kauen. Die ICHD-3 beschreibt den Schmerz als paroxysmal, plötzlich beginnend und endend, mit einer Dauer von Bruchteilen einer Sekunde bis zwei Minuten.

Wie das genau abläuft und wie die Behandlung aussieht, steht in Trigeminusneuralgie: Wenn der Gesichtsschmerz wie ein Blitz einschlägt.

Der Vergleich auf einen Blick

  • Gefühl: Kiefergelenk und Muskel meist dumpf, ziehend, pochend. Nervenschmerz stechend, blitzartig.
  • Dauer: Muskelschmerz hält Minuten bis Stunden an oder ist dauernd leicht vorhanden. Nervenschmerz dauert Sekunden, kehrt aber in Serien wieder.
  • Auslöser: Gelenk und Muskel reagieren auf Kauen, Mundöffnen und Belastung. Der Nerv reagiert oft schon auf leichte Berührung der Haut.
  • Zusatzzeichen: Beim Kiefer finden sich Knacken, Verspannung und Zähneknirschen. Beim Nerv fehlen sie in der Regel.

Das ist eine Orientierung, kein Ersatz für die Untersuchung. Mischbilder kommen vor, und manche Beschwerden passen in keine Schublade.

Weitere Verdächtige im Gesicht

Wer Gesichtsschmerz hat, sollte weitere Ursachen im Blick behalten:

  • Zähne und Zahnfleisch: Entzündungen am Zahn strahlen in Kiefer und Wange aus. Die Zahnärztin oder der Zahnarzt ist daher oft die erste Anlaufstelle.
  • Nasennebenhöhlen: Druckgefühl über Wange und Stirn, das sich beim Vorbeugen verstärkt, spricht eher für die Nebenhöhlen.
  • Gürtelrose: Brennender Schmerz mit Bläschen auf einer Gesichtshälfte, in manchen Fällen mit Schmerz nach dem Abheilen. Mehr dazu in Nervenschmerz nach Gürtelrose: Was bei Post-Zoster-Neuralgie hilft.
  • Kopfschmerzformen: Spannungskopfschmerz und Migräne können Schläfe und Gesicht mit einbeziehen. Verspannte Kaumuskeln und Kopfschmerz verstärken sich gegenseitig, siehe Spannungskopfschmerz und Medikamentenübergebrauch.

Was Sie selbst tun können

Bei Kiefergelenks- und Muskelbeschwerden stehen in den Empfehlungen einfache Maßnahmen an erster Stelle. Die Erklärung des Problems gehört dazu: Viele Betroffene sind erleichtert, wenn sie wissen, dass Knacken allein meist harmlos ist.

  • Auf Gewohnheiten achten: Zähne zusammenbeißen, Wangen oder Lippen kauen, Kinn auf die Hand stützen, Kaugummi in Dauerschleife.
  • Die Zähne tagsüber bewusst auseinanderhalten, Lippen geschlossen, Zunge locker am Gaumen.
  • Für einige Tage weiche Kost wählen und sehr harte oder zähe Speisen meiden.
  • Wärme auf den Kaumuskeln und sanfte Dehn- oder Bewegungsübungen, die Ihnen Zahnarzt oder Physiotherapeutin zeigen.
  • Stress ernst nehmen. Anspannung landet bei vielen Menschen im Kiefer.

Eine Aufbissschiene kann bei nächtlichem Knirschen helfen, sollte aber nach Untersuchung angepasst werden. Bleibende Eingriffe wie Beschleifen der Zähne oder umfangreicher Zahnersatz „gegen“ das Gelenk sind laut DC/TMD-Autoren für den Anfang nicht empfohlen, da ein Nutzen nicht belegt ist. Medikamente gegen Schmerzen oder Muskelverspannung wählt die Ärztin oder der Arzt, und sie gehören nur kurzfristig und nach Rücksprache in Ihren Alltag.

Wer ist zuständig?

Am Anfang steht meist die Zahnarztpraxis: Sie prüft Zähne, Kiefergelenk und Kaumuskeln und schließt zahnärztliche Ursachen aus. Bleibt der Schmerz unklar oder bestehen Zeichen eines Nervenschmerzes, ist die neurologische Praxis der nächste Schritt. Bei lang anhaltenden Beschwerden arbeiten Zahnmedizin, Physiotherapie, Neurologie und bei Bedarf auch Psychotherapie zusammen. Das kann sinnvoll sein, denn dauerhafter Schmerz belastet Schlaf und Stimmung, und beides verstärkt den Schmerz wieder.

Eine Orientierung, wann eine neurologische Abklärung nötig ist, bietet die Seite Wann zum Neurologen? Symptome, die eine Abklärung brauchen.

Wann Sie zügig zum Arzt sollten

  • Der Kiefer klemmt, und Sie können den Mund plötzlich kaum noch öffnen.
  • Der Schmerz kommt blitzartig, ist sehr heftig oder lässt Sie das Essen und Trinken meiden.
  • Es treten Taubheit, Schwäche oder Lähmung im Gesicht auf, ein hängender Mundwinkel oder Doppelbilder.
  • Fieber, Schwellung oder Rötung im Gesicht kommen dazu.
  • Der Schmerz besteht seit mehr als wenigen Wochen oder verschlimmert sich trotz einfacher Maßnahmen.
  • Sie haben Schmerzen beim Kauen und zusätzlich Kopfschmerzen oder Sehstörungen, besonders nach dem 50. Lebensjahr.

Plötzliche Gesichtslähmung, Sprachstörung oder ein Schmerz mit Atemnot oder Brustschmerz gehören in die Notaufnahme, Telefon 112.

Häufige Fragen

Ist Knacken im Kiefergelenk gefährlich?

Meist nicht. Ein Knacken ohne Schmerz und ohne eingeschränkte Mundöffnung braucht in der Regel keine Behandlung. Ärztlich abklären sollten Sie es, wenn Schmerzen oder ein Hängenbleiben des Kiefers dazukommen.

Kann Stress Kieferschmerzen auslösen?

Ja. Anspannung führt bei vielen Menschen zu Zähnepressen und Zähneknirschen, tagsüber oder nachts. Die Kaumuskeln werden dann überlastet und schmerzen.

Braucht man für die Diagnose ein MRT?

Bei Muskel- und Gelenkschmerzen reicht nach den DC/TMD-Kriterien die klinische Untersuchung. Ein MRT wird erwogen, wenn Veränderungen der Gelenkscheibe vermutet werden oder die Behandlung nicht anschlägt. Ein Röntgenbild der Zähne klärt das Kiefergelenk allein nicht.

Wie unterscheide ich Zahnschmerz und Trigeminusneuralgie?

Beides kann stechend sein. Hinweise auf einen Nerv sind kurze Blitze ohne Befund am Zahn und Auslöser durch leichte Berührung. Ein Zahnschmerz reagiert eher auf Heiß, Kalt und Druck auf den Zahn. Die Zahnärztin oder der Zahnarzt sollte zuerst klären, ob am Zahn etwas vorliegt.

Lesen Sie auch

Dieser Artikel dient nur der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

Quellen

  1. Schiffman E., Ohrbach R., Truelove E. et al.: Diagnostic Criteria for Temporomandibular Disorders (DC/TMD) for Clinical and Research Applications: recommendations of the International RDC/TMD Consortium Network and Orofacial Pain Special Interest Group. J Oral Facial Pain Headache. 2014;28(1):6–27.
  2. Headache Classification Committee of the International Headache Society (IHS): The International Classification of Headache Disorders, 3rd edition. Cephalalgia. 2018;38(1):1–211.
  3. Cruccu G. et al.: Trigeminal neuralgia: New classification and diagnostic grading for practice and research. Neurology. 2016;87(2):220–228.