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Riesenzellarteriitis: Kopfschmerz und Sehstörungen ab 50

Ältere Frau fasst sich am Küchentisch an die Schläfe

Seit ein paar Wochen drückt es an der Schläfe, als läge dort ein Ring. Beim Kämmen tut die Kopfhaut weh, beim Kauen ermüdet der Kiefer, und das Frühstücksbrot bleibt halb liegen. Dazu fühlt man sich schlapp und hat leichtes Fieber. Wer über 50 ist und so einen Kopfschmerz neu bekommt, sollte an die Riesenzellarteriitis denken. Sie lässt sich gut behandeln, aber nur, wenn das Auge nicht schon verloren ist.

Was bei der Riesenzellarteriitis entzündet ist

Bei dieser Erkrankung entzünden sich die Wände mittelgroßer und großer Arterien. Besonders oft trifft es die Schläfenarterien, deshalb heißt sie auch Arteriitis temporalis. Die entzündete Wand schwillt an, das Gefäß wird eng, und das Gewebe dahinter bekommt zu wenig Blut. Am Kopf betrifft das vor allem die Äste, die den Sehnerv versorgen.

Die Krankheit beginnt fast nie vor dem 50. Lebensjahr. Das Risiko steigt mit dem Alter, Frauen erkranken häufiger als Männer. Sie ist verwandt mit der Polymyalgia rheumatica, einer Entzündung mit Schmerz und Steifigkeit in Schultern und Oberschenkeln, und beide treten oft gemeinsam auf.

Woran Sie sie erkennen

Das Bild ist nicht bei allen gleich. Manche haben nur Kopfschmerz, andere vor allem allgemeine Zeichen. Häufig sind:

  • ein neuer, anhaltender Kopfschmerz, oft an den Schläfen, manchmal am Hinterkopf,
  • eine druckempfindliche Kopfhaut, etwa beim Haarewaschen oder Liegen auf dem Kissen,
  • Schmerzen oder Müdigkeit im Kiefer beim Kauen, die nach einer Pause nachlassen (Kieferclaudicatio),
  • eine verdickte, schmerzhafte oder pulslose Schläfenarterie,
  • Abgeschlagenheit, Nachtschweiß, Gewichtsverlust, leichtes Fieber,
  • Sehstörungen: Doppelbilder, verschwommenes Sehen, ein Schatten vor einem Auge.

Den Kieferschmerz verwechseln viele mit einem Zahnproblem oder einer Kiefergelenkstörung. Wie sich das unterscheiden lässt, steht in Kiefergelenk oder Nerv: Woher der Gesichtsschmerz kommt. Hier hilft ein Hinweis: Der Schmerz kommt beim Kauen nach einigen Minuten und geht in der Ruhe wieder weg, und er tritt neu auf, bei Menschen jenseits der 50.

Das Auge steht auf dem Spiel

Der gefürchtete Verlauf ist der Sehverlust. Wenn die Entzündung die Arterie zum Sehnerv verschließt, kann ein Auge innerhalb von Stunden erblinden, häufig ohne Schmerz. Ist der Schaden entstanden, kommt das Sehen meist nicht zurück. Ohne Behandlung ist oft auch das zweite Auge in Gefahr, manchmal binnen Tagen.

Genau deshalb beginnt die Behandlung bei begründetem Verdacht sofort, noch bevor alle Befunde vorliegen. Das ist ungewöhnlich in der Medizin, hat aber einen klaren Grund: Warten kostet Sehkraft, und die Untersuchungen laufen parallel.

Wie die Diagnose gestellt wird

Am Anfang stehen Gespräch und Tastbefund. Die Ärztin oder der Arzt fragt nach Kopfschmerz, Kieferbeschwerden, Sehstörungen und Gelenkschmerzen und tastet die Schläfenarterien. Im Blut zeigen sich meist erhöhte Entzündungswerte (Blutsenkung, CRP). Normale Werte schließen die Erkrankung allerdings nicht völlig aus.

Zur Sicherung dienen bildgebende Verfahren und manchmal eine Gewebeprobe. Die europäische Rheumagesellschaft EULAR empfiehlt in ihren Leitlinien zur Bildgebung bei Großgefäßvaskulitis den Ultraschall der Schläfenarterien als erste Untersuchung. Typisch ist ein dunkler Saum um das Gefäß, das sogenannte Halo-Zeichen. Je nach Lage kommen MRT oder PET hinzu. Die Biopsie der Schläfenarterie bestätigt die Diagnose, bleibt aber nicht immer nötig, wenn die Bildgebung eindeutig ist.

Die frühere Kriterienliste des American College of Rheumatology von 1990 nennt unter anderem Alter über 50, neu aufgetretenen Kopfschmerz, auffällige Schläfenarterie, erhöhte Blutsenkung und einen Biopsiebefund. Sie dient eher der Einordnung in Studien. Im Alltag zählt das Gesamtbild.

Wie behandelt wird

Die Basis sind Glukokortikoide, also Kortison, in hoher Anfangsgabe, die über viele Monate langsam gesenkt wird. Wie viel und wie lange, legt die Ärztin oder der Arzt fest. Setzen Sie die Tabletten niemals eigenmächtig ab, auch wenn die Beschwerden rasch verschwinden: Ein zu frühes Absetzen kann einen Rückfall auslösen.

Weil Kortison über lange Zeit Nebenwirkungen macht, etwa auf Knochen, Blutzucker und Blutdruck, wird oft ein zweites Mittel ergänzt, das die Kortisonmenge senken hilft. Nach den aktualisierten EULAR-Empfehlungen (Hellmich et al., 2020) kommt dafür bei Bedarf der Interleukin-6-Hemmer Tocilizumab infrage. Wer das bekommt, bespricht es mit der behandelnden Rheumatologin oder dem Rheumatologen. Zur Behandlung gehören außerdem Knochenschutz und regelmäßige Kontrollen.

Wer die Erkrankung betreut

Meist arbeiten mehrere Fachrichtungen zusammen. Die Hausärztin oder der Hausarzt denkt zuerst daran, die Rheumatologie führt die Therapie, die Augenheilkunde prüft Sehnerv und Netzhaut. Neurologinnen und Neurologen werden hinzugezogen, wenn der Kopfschmerz unklar bleibt oder Ausfälle auftreten. Wie Kopfschmerzen sonst eingeordnet werden, lesen Sie unter Migräne oder normaler Kopfschmerz?.

Ein Verdacht ist kein Grund zu warten. Auch ein Anruf bei der Hausarztpraxis mit der Schilderung „neuer Schläfenkopfschmerz, 68 Jahre, Kiefer schmerzt beim Kauen“ bewegt oft schnell einen Termin.

Wann Sie sofort zum Arzt sollten

  • Plötzlicher Sehverlust oder ein Schatten vor einem Auge: noch am selben Tag in die Augenklinik oder Notaufnahme, bei starken Ausfällen Notruf 112.
  • Doppelbilder oder plötzlich verschwommenes Sehen zusammen mit Kopfschmerz.
  • Ein neuer Schläfenkopfschmerz mit Kieferschmerz beim Kauen: möglichst am selben oder nächsten Tag ärztlich abklären lassen.
  • Lähmung, Sprachstörung oder Taubheit einer Körperseite: Notruf 112, denn auch Schlaganfälle sind bei dieser Erkrankung möglich. Mehr dazu in TIA, der Mini-Schlaganfall.

Häufige Fragen

Kann ich unter 50 an Riesenzellarteriitis erkranken?

Das ist sehr selten. Bei jüngeren Menschen mit Schläfenkopfschmerz kommen andere Ursachen weit häufiger in Frage, die ebenfalls abgeklärt werden sollten.

Sind normale Blutwerte beruhigend?

Nicht vollständig. Meist sind die Entzündungswerte erhöht, doch in Ausnahmefällen bleiben sie normal. Der Verdacht beruht auf dem Gesamtbild aus Beschwerden, Tastbefund und Bildgebung.

Ist die Krankheit heilbar?

Die Entzündung lässt sich in aller Regel unter Kontrolle bringen und kommt in Remission. Rückfälle sind möglich, deshalb bleiben Kontrollen über Jahre wichtig.

Welche Ärztin oder welcher Arzt ist zuständig?

Erste Anlaufstelle ist die Hausarztpraxis. Die Behandlung liegt meist bei der Rheumatologie, bei Sehstörungen zusätzlich bei der Augenheilkunde.

Lesen Sie auch

Dieser Artikel dient nur der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

Quellen

  1. Hellmich B. et al.: 2018 Update of the EULAR recommendations for the management of large vessel vasculitis. Ann Rheum Dis. 2020;79(1):19–30.
  2. Dejaco C. et al.: EULAR recommendations for the use of imaging in large vessel vasculitis in clinical practice. Ann Rheum Dis. 2018;77(5):636–643.
  3. Hunder G. G. et al.: The American College of Rheumatology 1990 criteria for the classification of giant cell arteritis. Arthritis Rheum. 1990;33(8):1122–1128.