Es ist kurz nach zwei Uhr nachts. Sie wachen auf, und hinter dem rechten Auge sitzt ein Schmerz, als würde jemand einen glühenden Nagel eindrücken. Das Auge tränt, die Nase läuft, an Liegenbleiben ist nicht zu denken. Sie laufen durch die Wohnung, wippen, schlagen mit der Faust gegen die Wand. Nach einer Stunde ist alles vorbei. In der nächsten Nacht kommt es wieder, fast zur selben Zeit. So beginnt für viele Menschen ein Clusterkopfschmerz, und oft vergehen Jahre, bis jemand den Namen dafür nennt.
Ein Schmerz, der eine Uhr zu haben scheint
Der Clusterkopfschmerz gehört zu den trigeminoautonomen Kopfschmerzen. Der Name sagt, was passiert: Der Gesichtsnerv (Trigeminus) löst den Schmerz aus, und das autonome, also unwillkürliche Nervensystem reagiert mit Tränen, Schwellung und laufender Nase. „Cluster“ heißt Häufung. Die Anfälle kommen gebündelt, über Wochen bis Monate, und verschwinden dann oft für lange Zeit.
Die internationale Kopfschmerzklassifikation ICHD-3 beschreibt die Anfälle so: sehr starker, einseitiger Schmerz um das Auge, über dem Auge oder an der Schläfe, der unbehandelt 15 bis 180 Minuten dauert. Dazu kommt mindestens eines von zwei Zeichen. Entweder zeigen sich auf der Schmerzseite vegetative Symptome, oder Sie sind so unruhig, dass Sie nicht still sitzen können. Es gibt Anfälle nur jeden zweiten Tag, in aktiven Phasen aber auch mehrere pro Tag.
Betroffen sind deutlich weniger Menschen als von Migräne, grob einer von tausend. Männer erkranken häufiger als Frauen, der Beginn liegt meist im jungen bis mittleren Erwachsenenalter.
Woran Sie ihn von Migräne unterscheiden
Wer bei Kopfschmerz an Migräne denkt, wird beim Cluster oft in die falsche Richtung geschickt. Der Unterschied zeigt sich im Verhalten während des Anfalls. Bei Migräne wollen die meisten in ein dunkles, ruhiges Zimmer. Beim Cluster halten es viele nicht aus, still zu liegen. Sie gehen auf und ab oder schaukeln mit dem Oberkörper.
- Der Schmerz sitzt fast immer auf derselben Seite, selbst über Jahre.
- Auf der Schmerzseite tränt das Auge, es rötet sich, das Lid hängt oder schwillt an, ein Nasenloch ist verstopft oder läuft.
- Die Anfälle kommen oft zu festen Zeiten, besonders nachts oder in den frühen Morgenstunden.
- Alkohol kann in der aktiven Phase innerhalb kurzer Zeit einen Anfall auslösen, außerhalb der Phase meist nicht.
Auch von der Trigeminusneuralgie lässt sich der Cluster abgrenzen. Dort schießen Stiche von Sekunden bis wenigen Minuten ins Gesicht, oft ausgelöst durch Berührung oder Kauen. Mehr dazu steht in Trigeminusneuralgie: Wenn der Gesichtsschmerz wie ein Blitz einschlägt. Beim Cluster dauert ein Anfall dagegen eine halbe Stunde und länger, und kein Reiz setzt ihn in Gang.
Der Weg zur Diagnose
Die Diagnose stellt die Ärztin oder der Arzt vor allem aus Ihrer Beschreibung. Hilfreich ist ein Kopfschmerzkalender mit Uhrzeit, Dauer, Seite, Begleitzeichen und dem, was geholfen hat. Wer den ersten Termin mit drei Wochen Aufzeichnungen betritt, spart oft Monate.
Eine Bildgebung, meist ein MRT des Kopfes, gehört bei der ersten Abklärung dazu. Sie soll nicht den Cluster beweisen, sondern andere Ursachen ausschließen, etwa Veränderungen an der Hirnanhangdrüse oder an Gefäßen, die gelegentlich ein ähnliches Bild machen. Der Befund ist beim Clusterkopfschmerz selbst in der Regel unauffällig. Zuständig ist die Neurologie, bevorzugt eine Praxis oder Ambulanz mit Schwerpunkt Kopfschmerz.
Was im Anfall helfen kann
Ein Anfall baut sich innerhalb weniger Minuten auf. Gewöhnliche Schmerztabletten wirken dafür zu langsam, weil sie erst nach 30 bis 60 Minuten greifen, wenn der Anfall fast vorüber ist. Deshalb setzt die Akutbehandlung auf schnelle Wege.
- Sauerstoff. Reiner Sauerstoff, über eine Maske mit Reservoir eingeatmet, bricht bei vielen Betroffenen den Anfall binnen Minuten ab. Er gilt in den Leitlinien als Mittel der ersten Wahl. Ärztliche Verordnung, Einweisung und Gerät organisiert die Praxis, auch die Kostenübernahme wird dort geklärt.
- Triptane als Spritze oder Nasenspray. Diese Migränemittel wirken beim Cluster nur in schnellen Darreichungsformen gut. Tabletten kommen meist zu spät. Dosis und Häufigkeit legt die Ärztin oder der Arzt fest, denn bei Herz- und Gefäßerkrankungen sind sie nicht geeignet.
Nicht helfen, und manchmal sogar schaden, tun Opioide. Auch die Vorstellung, „durchzuhalten“, hilft nicht. Wer mehrmals pro Woche solche Anfälle hat, braucht einen Plan, keine Tapferkeit.
Die aktive Phase überbrücken
Weil die Anfälle gebündelt kommen, reicht die Akutbehandlung allein oft nicht. Eine vorbeugende Therapie soll die Phase abkürzen und die Zahl der Anfälle senken. Nach den europäischen Empfehlungen (May et al., 2006) wird dafür häufig der Calciumantagonist Verapamil eingesetzt. Er wird langsam aufdosiert, dazu gehören regelmäßige EKG-Kontrollen, weil das Mittel die Herzleitung beeinflusst. Zusätzlich kann Kortison für kurze Zeit als Überbrückung dienen, bis die Vorbeugung wirkt. Eine Nervenblockade am Hinterkopf ist ein weiterer Weg, den spezialisierte Zentren nutzen.
Alle diese Mittel verordnet die Ärztin oder der Arzt. Setzen Sie sie nicht ohne Rücksprache ab, auch nicht, wenn die Anfälle gerade aufgehört haben.
Was Sie selbst tun können
Heilen lässt sich der Clusterkopfschmerz nicht, aber der Alltag lässt sich ordnen. Während einer aktiven Phase verzichten die meisten ganz auf Alkohol. Ein regelmäßiger Schlafrhythmus hilft manchen, bei anderen ändert er nichts. Rauchen ist unter Betroffenen auffallend häufig. Ob Aufhören den Verlauf ändert, ist nicht belegt, es lohnt sich aber ohnehin.
Sprechen Sie auch über die Seele. Die Schmerzen gelten als einer der stärksten, die Menschen kennen, und die Nächte ohne Schlaf zermürben. Manche Betroffene denken in der aktiven Phase an Suizid. Das ist ein Teil der Erkrankung und kein Zeichen von Schwäche. Sagen Sie es der Ärztin oder dem Arzt. Hilfe gibt es auch rund um die Uhr bei der Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111.
Wann Sie sofort zum Arzt sollten
- Ein plötzlicher, nie erlebter Kopfschmerz, der binnen Sekunden seine volle Stärke erreicht („Vernichtungskopfschmerz“): Notruf 112. Er kann eine Hirnblutung anzeigen.
- Kopfschmerz zusammen mit Lähmung, Sprachstörung, Verwirrtheit oder Krampfanfall: Notruf 112. Wie solche Ausfälle einzuordnen sind, steht in TIA, der Mini-Schlaganfall.
- Neuer Kopfschmerz jenseits der 50 mit Schläfenschmerz, Kieferschmerz beim Kauen oder Sehstörungen: am selben oder nächsten Tag ärztlich abklären, siehe Riesenzellarteriitis.
- Anfälle, die erstmals auftreten und mehrere Tage anhalten, oder ein Schmerz, der sich verändert: zeitnah zur Neurologie.
- Gedanken, sich das Leben zu nehmen: Notruf 112 oder Telefonseelsorge 0800 111 0 111.
Häufige Fragen
Ist der Clusterkopfschmerz gefährlich?
Für das Gehirn gilt er als ungefährlich, er schädigt keine Nerven dauerhaft. Gefährlich ist der Leidensdruck, deshalb sollte er behandelt werden.
Geht er von selbst weg?
Die aktive Phase endet meist von allein, oft nach vier bis zwölf Wochen. Danach folgt eine beschwerdefreie Zeit von Monaten bis Jahren, in der Regel kehren die Anfälle aber zurück. Bei einem Teil der Betroffenen hört die Erkrankung nie ganz auf.
Kann ich mit dem Anfall Auto fahren?
Nein. Während eines Anfalls sind Sie nicht fahrtüchtig. Planen Sie in der aktiven Phase Wege so, dass jemand einspringen kann.
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Dieser Artikel dient nur der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.
Quellen
- Headache Classification Committee of the International Headache Society: The International Classification of Headache Disorders, 3rd edition (ICHD-3). Cephalalgia. 2018;38(1):1–211.
- May A. et al.: EFNS guidelines on the treatment of cluster headache and other trigeminal-autonomic cephalalgias. Eur J Neurol. 2006;13(10):1066–1077.
- May A.: Cluster headache: pathogenesis, diagnosis, and management. Lancet. 2005;366(9488):843–855.
